Ich wache auf, starre an die weiße Decke, schaue mich um, alles weiß, stiril, kalt.
„Fahren sie gerne Achterbahn?“, wiederholt der im Bett gegenüber liegende Mann die Frage, mit der er mich zuvor geweckt hatte. Da realisere ich, wo ich bin, nämlich in einem Krankenhaus. Fühlt
sich nicht so an als wäre etwas gebrochen, doch mein Gesicht fühlte sich an, als hätte man damit eine glühende Herdplatte poliert und ich wagte nicht, es abzutasten. Vielleicht
waren auch ein paar Rippen leicht angeknackst. Aber ich lebte. „Wie bitte?“, erwidere ich nach einiger Zeit etwas benommen. „Fahren sie gerne Achterbahn?“, fragte der alte schon zum dritten mal –
ich ging davon aus, dass er alt war, er klang danach. Sehen konnte ich es nicht, da ich kaum über den Bettrand hinaus sehen konnte.
Statt zu antworten stelle ich eine Gegenfrage. „Glauben sie, dass jeder bekommt, was er verdient?“
„Wuz?“
Neben meinem Bett auf dem Nachttisch erkenne ich aus dem Augenwinkel heraus ein Foto und erinnere mich zurück.
Es war ein grauer, doch nicht regnerischer, wenn auch etwas kühler Tag im Europapark, Freizeitpark für Leute mit zu viel Geld und / oder zu wenig Zeit.
Ich stehe für eine der unzähligen Achterbahnen an, deren Namen ich mir nicht merken kann, plötzlich rempelt mich einer von hinten an.
„Ehhh“, grölt ein glatzköpfiger Bodybuilder mit seiner zierlichen Chica im Arm. „Mach ma hinne.“
Meine Gedanken kehren wieder von ihrer Tour durch die abgedrehtesten Sphären zu mir zurück und geistesgegenwärtig gehe ich einen Schritt weiter in der nicht enden wollenden Schlange. Das
Anstell-System im Europapark gleicht einem Mäuselabyrinth, dünne, ineinander verknäulte Gänge mit dürftigen absperren in Form von elastischen Bändern, doch anders war es wohl kaum möglich, den
großen Andrang an Menschen auf einem möglichst „kleinen“ Raum zu halten.
Hin und wieder begegnet man auf dem Weg zur Achterbahn so aufmunternden Schildern wie „Ab hier, geschätzte Wartezeit: Eine Stunde, 30 Minuten.“, und eine Stunde später erreicht man das Schild „Ab
hier, geschätzte Wartezeit: Eine Stunde“. Und so weiter.
Natürlich wartet nicht jeder brav in der Schlange. Zwei halbstarke „Krocha“ in der Schlange neben mir, welche von deren Standpunkt aus noch gut zehn Meter in die entgegengesetzte Richtung
verlief, fixieren mich, grinsen und erkennen: aha, mit dem Kann man’s machen. Und somit entscheiden sie sich kurzerhand, das Absperrband anzuheben und sich drunter durch zu zwängen. „BAM oida“,
meint der eine. „FIX oida“, erwidert der andere. Mr.T. hinter mir bekommt nicht all zu viel davon mit, da er, uns den Rücken zukehrend, zu sehr mit seiner Ische beschäftigt ist, die Familie vor
uns zu sehr mit sich selbst.
Da haben die beiden sich aber den falschen ausgesucht, denke ich, räusper mich und tipp „BAM“ auf die Schulter. „’Tschuldige mal, aber anstellen is’ hier nich.“, meine ich mutig, bis er sich zu
mir umdreht, von oben herab verächtlich anschaut und damit nicht nur das Größenverhältnis deutlich macht sondern auch die jeweilige Rangfolge in der Nahrungskette. „Schleich di!“, dann ignoriert
er mich wieder und genießt seinen Sieg.
Die Schlange hat sich bis dahin kein stück weiter bewegt, und ich fasse den Entschluss, dem Krocha seinen Triumph nicht zu gönnen.
„Ähm, ‚tschuldigen sie“, spreche ich nun den Bodybuilder an, welcher sich genervt zu mir umdreht, und nicht zum ersten mal in meinem Leben erkenne ich, wie weit unten ich in der Nahrungskette
stehe. „Geh mir net uffn Sack!“, und schon hatte ich seine Aufmerksamkeit wieder verloren.
Irgendwie scheint die Situation ausweglos, doch ich weigere mich zu kapitulieren. Es wird Zeit für Plan B.
Erneut mache ich den Krocha „BAM“ auf meine Anwesenheit und mein absolutes Nichteinverständnis mit seinem Verhalten aufmerksam, doch dieser packt mich am Kragen, meint nur „I hob do g’sagt du
sollst dia schleichn!“, und schubst mich weg. Nur sehr knapp entkomme ich einer Kollision mit „Shaved Hulk Hogan“, da kommt DIE Idee über mich wie ein Trupp amerikanischer Soldaten! Plan Z soll
nun mit all seiner Grausamkeit in Kraft treten!
Mit ordentlich Schmackes schubs ich meinerseits nun den Krocha gegen seinen Kumpanen „FIX!“, dass es nur so „krocht!“
In dem Augenblick, in dem dieser sich zu mir umdreht, ausholt und blindlings zuschlägt ducke ich mich geschickt darunter hinweg und den Incredible Hulk hinter mir trifft die ganze Wucht der gegen
mich gerichteten Attacke. Daraufhin dreht das Muskelpaket komplett durch, packte die beiden und wirft sie im hohen Bogen aus der überraschten Menschenmenge.
Mit einem zufriedenem Grinsen auf den Lippen gliedere ich mich wieder in die Schlange ein und habe auch schon das „Ab hier, geschätzte Wartezeit: 45 Minuten.“-Schild erreicht.
Eine Stunde später nehme ich ganz vorne im Wagen platz. Fest wie ein Knebel-Vertrag fixiert mich eine waagerechte Halterung in dem unbequemen Sitz, doch ich freue mich schon auf den
Adrenalin-Schub.
Wie das Leben, eine Achterbahn, rauf und runter und voller gefährlicher Kurven und Loopings! Dann eine kleine Verschnaufpause, denn langsam und bedrohlich klettert der Wagen die höchste Rampe
hinauf und in den hinteren Sitzreihen kreischen dreizehnjährige Mädchen schon ein mal pro forma. Am Scheitelpunkt, kurz bevor es wieder bergab geht, genieße ich die Aussicht, denn von hier oben
hat man einen recht guten Überblick. Man sieht einige Verkaufsstände, weitere Attraktionen, Menschen die dafür bezahlt werden in erniedrigenden und lächerlichen Tierkostümen durch den
Freizeitpark zu laufen und zwei Krocha, die gemütlich vor dem Ausgang der Achterbahn warten.
Es geht bergab, rasant, schnell, und mit einem mal habe ich das Gefühl in einen tiefen Abgrund unendlichen Pechs zu fahren. Ein Blitzlicht blendet mich, der Wagen wird langsamer, stoppt, und kurz
vor dem Ausgang darf ich ein Foto erwerben, auf dem ich nacktes Grauen und Entsetzen in meinem Gesicht sehe. „Ehhh!“, grölt jemand von hinten und schubst mich in Richtung Ausgang. „Mach ma
hinne!“
„Das Erinnerungsfoto hat 5,60 gekostet.“, meine ich dann zu meinem Zimmergenossen.
„Und?“, fragt er dann wieder. „Fahren sie gerne Achterbahn?“
„Nicht mehr“, erwidere ich. „Die Wartezeiten sind die Hölle, und manchmal lohnt es sich einfach nicht ...“
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