Agonie

Veröffentlicht auf von Jijuro

Ich hatte völlig vergessen, dass der Himmel über einer Stadt wie dieser niemals gänzlich schwarz ist. Heute nacht war der Himmel in ein dunkles Rot getaucht, das an dem Horizont in Richtung Stadtmitte heller wurde und in der anderen fast – aber eben nur fast – schwarz. Die Welt um mich herum war still, auch auf den großen Straßen fuhren keine Autos, der sonst so schwarze Asphalt war in den goldenen Glanz der Laternen getaucht, alles um mich herum verwandelte sich mit einem male zu einem einzigen Kontrast zwischen dem Dunkel der Nacht und den einzelnen Lichter noch wachender Familien, Pärchen oder auch einsamer Einzelgänger, die nicht schlafen können und vor Sehnsucht vergehend ihr Kissen umarmen. Doch an diese Menschen verschwende ich keine Gedanken, auch nicht an die Sorgen, die mich vor kurzem noch plagten, nein, stattdessen verliere ich mich voll und ganz in dieser einzigartigen Atmosphäre, die nur die Gegebenheiten einer Hure von Stadt zu schaffen vermochten. Es ist ein schönes Gefühl, in der Seele so wie auf der Haut, denn trotz dieser spätwinterlichen Nacht ist es nicht kalt, auch der Wind, der fast lautlos und doch kraftvoll durch das Geäst des Parks weht, ist nicht frostig.

Nun, da ich im vollen einklang mit mir und meiner Umgebung bin nehme ich die Kopfhörer meines tragbaren Tonträgers und lasse die wunderbaren Melodien verschiedener Lieder durch meine Gehörgänge hallen. Lieder über verflossene Lieben, über heimliche Romanzen, schön verpackt in mittelalterlicher Musik oder dem schönsten, das unsere moderne Musikindustrie noch hergibt. „Samsas Traum“ ist nur einer von vielen wunderbaren Interpreten auf der Liste der Künstler, deren Lieder auf meinem Tonträger vertreten sind.

Mehr als sonst sauge ich die Töne, die Instrumente, die Stimmen der Sänger und jedes einzelne wunderbare Wort in mich auf, mein Herz reißt alles an sich wie ein ausgewrungener Schwamm. Welch Gefühl! Unbeschreiblich!

Nur dieser Umstand, diese Atmosphäre macht es möglich, die Musik in all ihren schichten so intensiv wahrzunehmen, meine zerrüttete Seele droht förmlich zu zerreißen, denn alle Eindrücke, gute wie schlechte, wirken nun mit einem vielfachen ihrer Kraft auf mich ein, entfalten ihre volle Wirkung, doch völlig egal, ob gut oder schlecht, allesamt sind sie schön und lassen mich völlig vergessen ...

Nein, nicht völlig. Die Musik schuf einen Raum in meinem Herzen, schwarz und weiß, in dem plötzlich alles wieder Platz fand. Die Menschen und Dinge, die mir den Kummer bereitet hatten, sowie jene, die ihn zu vertreiben versuchten. Ich betrachte sie alle völlig gelassen und ruhig, auch, wenn ein leichter Schleier der Traurigkeit und Melancholie über allem zu schweben scheint. Egal!

Alle, die ich liebe – völlig egal auf welche Art, völlig egal, ob sie diese Liebe im selben Maße erwidern oder völlig übersehen, ob freundschaftlich oder aus tiefstem Herzen. Wie schön.

Ob sie jemals erfahren werden, dass ich an sie gedacht habe? Wird SIE es jemals erfahren? Und die anderen? Sicherlich.

Die Füße tragen mich weiter und ich beginne laut in die Nacht hinein zu den Liedern die ich höre zu singen, bis zu meiner Haustür. Auch das Klirren meiner Schlüssel kann diesen Moment nicht zerstören, bis mir die Wärme meiner Wohnung entgegenschlägt. Welch schöner Augenblick, und er währte mehrere Minuten. Danke.

Veröffentlicht in Sonstige Schriften

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J
du genie! wie schön. nur der titel ein wenig unpassend pessimistisch?
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