Foulshire City (RPG)

Aeron Wilson Ray

 


Im Wagen lief gerade Led Zeppelin und Aerons Finger trommelten der Melodie entsprechend auf dem Lenkrad. Die Musik im Auto war laut genug, um das ständige Prasseln des Regens auf die Windschutzscheibe zu übertönen, ebenso das nervige Hin und Her der Scheibenwischer und die ohnehin recht leise Belüftung. Im Dunkel der Nacht leuchteten die Anzeigen auf den Armaturen mit einer besonderen Intensität, meist in kräftigem Rot, einige auch in einem tiefen Blau, doch schien das Licht im Wageninneren kaum etwas zu erreichen, denn innen wie auch außen war dieses Fortbewegungsmitten gänzlich schwarz – schwarz lackiert, schwarz verkleidet, schwarze Innenausstattung, schwarze Sonnenbrille auf dem Armaturenbrett. Manch einer möge das als eintönig empfinden, doch für Aeron hatte das ganze Stil.

“Eyes that shine burning red, dreams of you all through my head”. Obwohl er diese Band wirklich vergötterte ließ er sich von diesem Lied nicht all zu sehr mitreißen sondern blieb völlig ruhig und summte den Text nur leise mit, als er durch die Straßen eines Randbezirks von Foulshire City fuhr, vorbei an einer nicht enden wollenden Allee aus Leuchtreklamen. Man möge meinen, ein Vergnügunsviertel wie dieses sei Teil des Stadtzentrums, der Innenstadt, doch in dieser Stadt waren Spielkasinos, Bordelle und zwielichtige Etablissements jeweils verbreiteter als alle Fastfoodrestaurants, harmlose Cafes und gemütliche Kneipen zusammen. Nur die Waffengeschäfte stellten eine nennenswerte Konkurrenz dar, doch hätte man sich wundern können, wie gut solch unterschiedliche Industriezweige zusammenarbeiten konnten ...

Als er dem Rand des Bezirks immer näher kam wurden die Gebäude kleiner, doch wusste der Kenner, dass die Qualität der einzelnen Etablissements entsprechend Anstieg, denn hier hatten  die besten Vertreter ihrer Zunft mit nicht immer  -  oder eher kaum  -  legalen Geschäftsmethoden Fuß gefasst und an Größe und Bedeutung gewonnen, und Aeron steuerte auf ein stark hervortretendes Gelände zu. Es nahm fast einen ganzen Häuserblock ein und war durch einen ansehnlichen, schwarzen Gitterzaun aus Stahl abgegrenzt. Es gab nur eine Zufahrtsmöglichkeit, nämlich das Eingangstor auf der Nordseite. Von dort aus betrat man einen großen Fuhrpark und ein überaus interessantes Gebäude, welches ohne jede Reklame auf sich aufmerksam machte, eine wahre Perle der Großstadt: Es handelte sich um eine nahezu perfekte Nachbaute einer viktorianischen Villa mit einem wunderschönen, kunstvoll gefertigtem Brunnen vor der Tür, bewacht von Dutzenden qualifizierten Fachkräften auf dem Gebiet der Personen- und Gebäudebewachung. Eine wahre Festung, doch nicht uneinnehmbar.

Am Eingangstor gab es ebenfalls zwei schwarzgekleidete Wachmänner mit steinernen Minen, doch auf den ersten Blick scheinbar unbewaffnet, und einen dritten im Bunde, der etwas hagerer wirkte und an das Auto trat.

Gemächlich glitt die leicht getönte Scheibe des Wagens hinunter, in die Tür hinein, und gab das entspannte Gesicht des jungen Mannes preis, welcher eine Kärtchen, nicht größer als eine Visitenkarte aus dem Wagen hielt und sie dem Mann reichte, ehe dieser überhaupt nach seiner Eintrittsgenehmigung fragen wollte. „Er kann durchfahren“, sagte er, woraufhin sich die Tore für Aeron öffneten und er sein Kärtchen zurückerhielt.

Er war seinem Ziel nun entscheidend nahe gekommen.

"Need a woman gonna hold my hand, won't tell me no lies, make me a happy man."

 

 

Leila Crowley

 


Ein brausendes Toben erfüllte ihre Ohren. Der Wind strich durch ihr Haar und ihre Kleidung, spielte mit jeder Strähne und Falten, wie junge Welpen es oft taten. In der Ferne des Horizontes – Nichts. Eine aufgewühlte, dunkle Fläche. Der Himmel war klar und hell, doch schien es keine Lichtquelle zu geben, die dieses Szenario erleuchtete. Wie unter einem leichten Dunstschleier wirkten die Farben gräulich und gedämpft. Unter ihren Füßen wärmte der sonnenaufgeheizte Fels sie, gegen die kantigen Seiten der Klippe schlugen meterhohe Wellen. Die Gischt prickelte auf ihrer Haut wie viele, kleine Nadelstiche. Auf ihren Lippen schmeckte sie das Salz des Meeres, das dort getrocknet war. Es war die unendliche Weite, die unendliche Freiheit die sie reizte, sie von hinten schob und dazu drängte, in den Himmel aufzusteigen, die Arme auszubreiten und sich der Leere hinzugeben. Selbst diese Gewalt, der Kampf zwischen Wasser und Erde, erfüllte sie mit einem inneren Frieden. Sie war das einzige Lebewesen hier – keine Fische, keine Vögel, keine Insekten. Und doch schien dies alles zu ihr zu sprechen, in einer Sprache, so alt wie die Welt selber. Der salzige Geschmack in ihrem Mund mischte sich mit Einem leicht metallischem und ihr Körper fühlte sich an, als würde er innerlich brennen. Ihre Fingernägel bohrten sich in die weißen Handflächen, ihre Gliedmaßen verkrampften sich, doch ihr Blick war starr ihr ihre Welt gerichtet.

Das Geräusch eines sich schließenden Reißverschlusses riss sie aus ihrer Welt. Noch immer brannte ihr ganzer Körper, vor allem der Bereich zwischen ihren Beinen, doch sie öffnete die Augen nicht und blieb so ruhig liegen, dass einzig und allein das Heben und Senken ihres Brustkorbes ein Anzeichen auf leben war. Ihr Atem war flach und schnell und ihre Zähne hatten sich in ihre rosafarbenen Lippen gebohrt, so dass tiefrote Blutstropfen Flecken auf dem schneeweißen Bettlaken hinterließen. Der bärtige Mann mit dem grimmigen Blick, der eben noch keuchend über ihrem zarten Körper gehangen hatte, sah verächtlich zu ihr runter, sammelte Speichel in seinem Mund und spuckte sie an. „Widerliche Schlampe“ nuschelte er, ehe er seine Sachen zusammenpackte und mit einem lauten Knall die Tür hinter sich schloss. Seine Schritte hallten auf dem hölzernen Gang des Gebäudes.

Nach einigen Minuten entspannte Leila sich wieder und öffnete vorsichtig die Augen. Dasselbe Bild wie immer. Die kahle Decke über ihr schien sie höhnisch auszulachen. Fast schon konnte sie ein breites Grinsen erkennen, doch dann ärgerte sie sich über ihre eignen Hirngespinste und verzog eine wütende Fratze. Vorsichtig richtete sie sich auf und besah sich die neuen Wunden ihres Körpers. Alte und neue blaue Flecken unterschiedlichster Färbungen reihten sich auf und zeigten wirre Gebilde, aus denen skurrile Zigeuner sicherlich ihre Zukunft hätten lesen können. Zumindest ihre Kleidung war halbwegs heil geblieben, was sie erleichtert aufatmen ließ. Ihre Gelenke knackten, als sie ihre Füße auf das Parkett setzte und aufstand. Noch immer vollkommen nackt sammelte sie ihre Kleidung ein und schlich mit einer katzenhaften Anmut in das angrenzende, winzige Badezimmer, das eigentlich nur eine Waschmöglichkeit darstellte. Das Bordell warb mit der Reinlichkeit seiner Huren, doch auch so hätte Leila sich nach jedem Freier gewaschen. Das Gefühl, das ihr Schweiß, ihre Berührungen auf ihrer Haut hinterließen, war ätzend wie Säure. Sie hasste diese Berufung, doch Prostitution war eine der besten Möglichkeiten unter zu tauchen. Niemanden interessierte deine Identität, deine Herkunft oder der Grund, weshalb du hier warst, so lange du die Beine breit machtest. Ihr Blick fiel in den kleinen, fleckigen Spiegel und kurz schreckte sie zurück. Ein zerschundenes Gesicht, mit verletzten und gebrochenen grauen Augen starrte sie feindselig an. Kurz rümpfte sie die Nase, ehe sie sich von diesem Blick abwandte, nach einem nassen Handtuch griff und sich so behutsam wie möglich das krustige Blut vom Körper wischte. Jede Berührung schmerzte und sie biss die Zähne zusammen. Immer wieder entrann ein leises Zischen ihrer Kehle.

Ein lautes Pochen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Das Tuch fiel ihr aus der Hand und auf die dreckigen Kacheln des Bodens: „Aderyn!“ donnerte eine Stimme von der anderen Seite der Tür. „Komm raus, der Nächste wartet und will dich draußen sehen!“ Ihr Herzschlag setzte kurz aus. Hektisch griff sie nach ihrer Kleidung und streifte sich das schwarze Kleid schnell über. Das Klopfen ließ nicht nach, wurde nur noch aggressiver und energischer. „Komm raus oder ich komm rein.“ Ihre hohen Stiefel waren schwer zu schnüren und obwohl sich ihre Finger flink bewegten, verhedderte sie sich immer wieder. Wütend würde die Tür aufgerissen und knallte an die Wand. Mit wenigen großen Schritten war der stämmige Mann bei ihr, ein Kreuz wie ein Kleiderschrank und das Gesicht zur Faust geballt. Ohne weitere Worte holte er aus und schlug ihr ins Gesicht. Dann packte er sie an den schwarzen Haaren und schleifte sie hinter sich her. „Los, Schlampe, verrichte deine Arbeit.“ Das kratzende Geräusch ihrer Stiefel hallte über den Gang, während Leila versuchte sich aufzurichten und ihm zu folgen.

 


Aeron Wilson Ray

 


Im inneren der Villa fühlte man sich nahezu in das viktorianische Italien zurückversetzt. Die Wände waren reich verziert und der gesamte Raum mit kunstvoll gefertigten religiösen (und dabei nicht unbedingt christlichen) und mythologischen Bildnissen in Form von Gemälden, Wandmalereien, Reliefen und Skulpturen geschmückt. Doch nicht nur die Innenausstattung ließ auf den „klassischen Geschmack“ schließen, auch die Kleidung der anwesenden, von anrüchigen Spitzenkleidern über altmodische Fracks bis hin zu aufwendigen Kostümen aus grauer monarchischer Vorzeit war hier alles vertreten, ebenso jedoch moderne Anzüge und gewagte Abendgarderobe der heutigen Zeit und teilweise auch aus den Kollektionen der kommenden Saisons. Das, was Aeron hier von den meisten am drastischsten Unterschied und die meisten Blicke auf sich zog war jedoch das Alter. Er gehörte recht offensichtlich nicht zu jenen großen Haien der Bau- und Immobilienindustrie, war kein versierter Star, Hollywoodschauspieler oder Sänger, kein korrupter Politiker oder Richter von hohem Rang – eben nichts, was ein gewisses Alter erforderte, denn niemand, so erfolgreich er auch war, sprang von einem mal aufs andere in „solche Kreise“, und doch war er hier, denn er hatte allem Anschein nach das Kärtchen, welches gleichermaßen die Eintrittskarte und Daseinsberechtigung darstellte.

An unbezahlbaren Tischen und Stühlen, Sesseln und Sofas vorbei, welche mitten in der großen Eingangshalle standen und den Anwesenden Gästen einen gewissen Komfort boten, kam er auf eine Treppe zu, mit rotem Saum verkleidet, goldfarben angepinseltem Geländer und Platz für sechs nebeneinanderstehenden Personen.

Auf der Hälfte des Weges nach oben, zu den zahllosen, sicherlich ebenfalls hübsch eingerichteten Zimmern, in denen zierliche Mädchen wie auch reife Frauen aus freien Stücken oder mit Gewalt dazu gezwungen dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen, fing ihn ein etwas dickerer Mann in einem absolut indiskutablem, knallroten Frack ab und blickte ihn etwas verlegen fragend an. „Junge, ähm, Sir“, begann er. „Wie kann ich ihnen, also ... einem jungen Mann wie ihnen behilflich sein?“

Aeron bedachte ihn mit einem beruhigendem Lächeln. „Keine sorge, mein bester, bleib Locker. Ich bin aus dem selben Grund hier wie alle anderen auch, der, über den niemand sprechen will.“

Ein wenig erleichtert wies der dicke Mann Aeron an , ihm nach oben zu folgen, und dieser tat, wie ihm geheißen. „Nun, ich versichere, wir haben alles, was das Herz eines jungen Mannes begehrt, nennen sie uns nur ihren Wunsch.“

„Etwas in meiner Altersklasse“, erwiderte er gelassen. „Und nichts exotisches, ich bin noch ... recht neu mit diesen Dingen. Nur hübsch muss sie sein, eine Schönheit für sich.“

„Von denen haben wir hier einige.“

Oh Gott, was für ein Idiot, dachte Aeron. Würde er die Beschreibung noch spezifischer machen würde diese Knalltüte doch gleich merken, das irgendwas nicht stimmt ... andererseits - vielleicht auch nicht.

„Vorliebe bei der Wahl der Haarfarbe?“, kam dann die rettende Frage.

„Schwarz, ganz schlicht, langes, schwarzes Haar.“

Mit dieser „Bestellung“ ließ man den Wiederbeschaffer für einige Augenblicke allein und er fand sich in einem langen Gang wieder, wie ein Luxushotel ausgekleidet, alles mit Goldfarbe und dazu passendem Rot, die Türrahmen, der Teppich, die Leuchter an der Decke. Alleine in diesem Gang gab es Türen zu mindestens 15 Zimmern und Verzweigungen in etliche andere Gänge, von innen wirkte alles noch größer als von Außen, und nicht ein einziger Wachmann in der Nähe. Eigenartig. Kameras gab es sicherlich irgendwo ...

Von unweit hörte Aeron Gebrüll und Gezeter, so ging es hier nun mal zu. Für die Dauer seines Auftrags blendete er sämtliche Moralvorstellungen aus und schaltete alle Emotionen die ihn zu irrationalem Handeln verleiten könnten ab. Es zählte der Job, und der war das Mädchen. Und das Mädchen war der Job. Amen.

Nach einiger Zeit kam der dicke Mann zurück, wischte sich mit einem Spitzentüchlein einzelne Schweißperlchen von der Stirn - er wirkte recht angespannt - und rückte sein plattes, schwarzes Haar zurecht, während die Schweinsäuglein den jungen Mann fixierten. „Es ist alles bereit, sie wartet. Glauben sie mir, sie wird ihnen gefallen, junger Herr. Zimmer 13-37, vorne rechts, sie können es kaum verfehlen.“ Ein ekelhaftes kichern, darauf folgte ein dreideutiges Zwinkern, dann beendete er sein Verkaufsgespräch mit den Worten: „Ich erwarte sie dann unten im Foyer.“, was so viel bedeutete wie: „Ich warte an der Kasse darauf, dass sie bezahlen. Bar oder Kreditkarte?“

Bar. Nur nicht mit Geld.

 

 

 

Leila Crowley

 

Außer dem keuchenden Stöhnen, dass aus ihrer Kehle dran, gab das Mädchen keine Geräusche von sich, als sie äußerst schmerzhaft an den Haaren herbeigezogen wurde. Kurz vor dem Raum, in dem sie sich positionieren sollte, blieb der bullige Mann stehen und starrte sie aus seinen finsteren Augen an. Fast schon zärtlich zupfte er an ihrer Kleidung und strich ihre Haare wieder glatt, als wäre sie ein kleines Püppchen. Zuerst sah man ein liebevolles Lächeln in seinen Zügen, doch es entwickelte sich zu einem diabolischen Grinsen, die all seine gelben, schiefen, gelöcherten und vergoldeten Zähne zeigten. Einige fehlten, höchstwahrscheinlich aus Prügeleien und Keilereien, bevor er diesen feinen Job bekommen hatte. „Du wirst doch ein braves Mädchen sein, nicht?“ Die Kälte, die sie ihm aus ihren Augen entgegen schleuderte, ließ er erst an ihr abprallen, da ihr Nicken mehr als nur verkennbar war, doch als sie seinem Blick nicht auswich, zog er seine Hand zurück und rammte ihr die Faust in den Magen. Der ganze Sauerstoff wurde aus ihren Lungen getrieben und sie fiel auf die Knie. Mit vor Entsetzen und Schmerz geweitetem Blick versuchte sie, bei Bewusstsein zu bleiben. „Schätzchen, du solltest ein wenig netter zu Big D sein.“ Aus seiner Kehle drang ein tiefes und höhnisches Lachen. Er öffnete die Tür zu Zimmer 13-37 und schlug ihr dabei das Holz vors Knie, ein weiterer blauer Fleck, doch diesen Schmerz würde sie erst viel später spüren. Mittlerweile verschwamm ihr Sichtfeld an den Rändern und ein schwarzer Ring legte sich über ihre Sicht, wurde immer enger, bis sie nur noch bunte Punkte und Blitze sah. Sie spürte, wie Big D ihr am Arm zerrte, den federleichten Körper hoch und mit einem Schwung in das Zimmer warf. Zusammengerollt und gekrümmt blieb sie dort liegen und kämpfte gegen die Übelkeit an, während Big D stampfend den Flur verließ um Bescheid zu geben, dass sie wieder frei war.

Es dauerte einige Minuten, bis ihr Körper sich beruhigt hatte und sie sich aus der Embryonalstellung befreite. Zögert hob sie ihr Kleid und besah sich ihren Bauch, auf dessen weißer Haut der rote Abdruck der Faust deutlich zu sehen war. Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sie den Stoff wieder fallen und setzte sich auf das große Himmelbett, dessen staubige Vorhänge zurück gesteckt waren. Allgemein könnte hier mal wieder geputzt werden. Sie seufzte, sah dann kurz in den Spiegel, während sie sich überlegte, was für eine Art Freier wohl als nächsten kommen würde, fasste sie sich behutsam ins Gesicht. Dies war der einzige Ort, an dem sie nicht verletzt war. Schließlich war ihre Schönheit ihr Kapital. Direkt nach ihrer Weiblichkeit. Doch nichts an ihrem Körper war so, wie es sein sollte. Sie wusste, was sie wirklich war und für eben dies verachtete sie sich selber, so sehr, dass sie sich nicht lange im Spiegel ansehen konnte. Schnell wandte sie sich ab und versuchte lieber daran zu denken, wie spät es jetzt wohl war und wann das Bordell wohl endlich schließen würde. Doch ihre Gedanken hatten bereits Fuß gefasst und trieben sie in ihre zweite Hassquelle, der Mann, der aus ihr das gemacht hatte, was sie jetzt war. Schon bald würde sie verschwinden müssen. Ein Bordell war zwar ein guter Ort, um Anonym zu bleiben, doch kein Versteck für die Ewigkeit. Als draußen auf dem Flur die ersten Schritte ertönten, setzte sie sich wieder hastig auf das Bett, zog den Saum ihres Kleides leicht hoch und setzte den Blick auf, den anscheinend viele ihrer Stammfreier verführt hatte.

 

 

 

Aeron Wilson Ray

 

 

Ehe er den Raum mit der Aufschrift 13-37 betrat knüpfte Aeron die obersten beiden Knöpfe seines Hemds auf, zog das untere Ende davon aus der Hose und öffnete sein schwarzes Sakko – die feinen Klamotten hatten zwar ihren Stil, doch zum einen gefiel es ihm so besser, zum anderen wirkte ein potentieller Freier der sich so stocksteif gab ein wenig misstrauenserregend auf die Huren eines Bordells (oder unglaublich verklemmt.)

Ohne anzuklopfen schwang er die Tür auf und warf sie hinter sich wieder zu, während er sich in dem Gemach umsah und nur wenig überrascht ein großes Bett mit seidiger, roter Bettwäsche und Herzkissen vorfand, daneben eine Kommode mit offener Schublade, in denen er Kondome vermutete, und eine weitere Tür, halb geöffnet, aus der das anmutige Weiß eines luxuriösen Badezimmers hervorschien. An der Wand fanden sich einige Gemälde nackter Frauen in verführerischen Stellungen, teils recht abstrakt, teils unglaublich realistisch. Immer wieder bewunderte er die Präzision, mit der manche Künstler ans Werk gingen und Kunstwerke schufen, welche nicht selten schöner als die Wirklichkeit selbst waren.

Auf dem Bett lag das Mädchen seiner schlaflosen Nächte, eine Schönheit mit langem, schwarzen Haar und nahezu perfekter Figur, obgleich sie noch recht jung wirkte. Ihre langen Wimpern vermochten es nicht von ihren ungewöhnlichen Augen abzulenken, die sich mit ihrer grauen Färbung als erstes in Aerons Gedächtnis brannten. Ein schwer zu deutendes Grinsen umspielte seine Lippen, als sie ihn so verführerisch ansah, ohne auch nur das geringste Bisschen verwundert zu wirken, dass ihr Peiniger ein so junger Recke sein sollte.

„Einen schönen Abend, my Lady.“, intonierte er, als er gemächlichen Schrittes, die Hände in den Hosentaschen durch den Raum schritt, auf das Fenster zu, die Vorhänge mit einer Hand beiseite schob und in die Nacht herausstarrte.

Vor dem Fenster, einige Meter tiefer, standen ebenfalls Wachleute, mit einem Abstand von geschätzten sieben oder acht Metern   an der Hauswand positioniert und die Schusswaffen stets geladen – doch das Fenster kam nur selten als Fluchtweg in Frage.

„Leila, nicht wahr?“ Er wandte sich zu dem Mädchen um, das ihn immer noch reglos ansah – ein verdammter Profi – und kam einen Schritt auf sie zu. „Ich schätze mal, dass du keine Jacke oder dergleichen hier hast, aber die Nacht ist verdammt Kalt.“

Endlich ein fragender Blick ihrerseits, denn so gerne der eine oder andere Perverse, der hier ein und aus ging, die Zeit vor dem Sex mit selbstgefälligem Geschwafel oder Erläuterungen zu dem Kranken Rollenspiel, welche er sich für den Abend ausgedacht hatte, tot schlug, waren Aerons Worte sicherlich ein wenig überraschend – wie viele Freier zogen es schon in Erwägung mit ihrer Ware das Gebäude zu verlassen?

„Stell keine Fragen“, meinte er beruhigend, ehe sie überhaupt dazu kam. „Ich bin nicht hier um mit dir zu schlafen, ich bin hier um dich mit zu nehmen. Jemand bezahlt mir eine ordentliche Summe Geld wenn ich dich bei ihm abliefere – du kommst also nach Hause. Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns hier noch bleibt, darum sollten wir uns beeilen.“

Den Augenblick, in dem Stille herrschte, nutzte er, um sich kurz auf die Geräusche der Umgebung zu konzentrieren, doch schien gerade niemand den Gang entlang zu patrouillieren, was sicherlich auch nicht nötig war, immerhin schaffte man es kaum bis zum Zaun, schon war man durchsiebt wie in von Blattläusen befallener Strauch.

Indem er ihr die Hand reichte wollte Aeron ihr klar machen, dass sie ihm folgen soll. „Nenn mich Ray.“

 


Leila Crowley

 


Als der erste Blick auf den Jungen fiel, zog Leila fast unbemerkt ihre linke Augenbraue hoch. So jung, das war selten. Doch nicht immer deutete ein solches Alter auf Vitalität und „leichte Arbeit“ hin. Ganz im Gegenteil. In ihrer kurzen Zeit als Hure hatte sie eines gelernt. Je jünger der Kunde, desto ausgefallener waren die Wünsche. Und da dies ein Luxusbordell war, zumindest der Aufmachung nach, hatte sie schon die skurrilsten Wünsche erfüllt, die allesamt Übelkeit in ihr hervorriefen. Doch zumindest sah er gepflegt aus. Hübsch anzusehen war er außerdem. Vielleicht könnte sie sich ja zumindest vorstellen, es wäre jemand, den sie mag. Aber da stünde sie vor dem nächsten Problem. Wen mag sie schon? Ihre Freunde hatte sie seit Jahren nicht gesehen und wollte es auch nicht, die Huren im Bordell waren zwar von Zeit zu Zeit nette Gesprächspartner, aber keine Freunde. Die Zuhälter ließen allesamt höchstens ihre Fäuste sprechen, und das war ein Duell, auf das sie sich nicht einlassen wollte. Blieb nur noch der alte Mann, doch der war ihr mehr als zuwider.

Zuerst merkte sie gar nicht, mit welchem Namen er sie soeben angesprochen hatte. Ruhig und ohne eine Miene zu verziehen verharrte sie auf dem Bett, wartete auf Anweisungen oder Bitten. Doch das Echo seiner Stimme in ihrem Kopf rüttelte sie wach. Ihr Atem stockte für einen Moment und ihre Augen weiteten sich. Woher kannte dieser Junge ihren Namen. Seid sie geflohen war, hatte sie nie wieder Leila als Namen angegeben. Einzig und allein ihr Deckname war ihre neue Identität, etwas, das sie freiwillig angeben durfte, als sie im Bordell Asyl und Arbeit gesucht hatte. Nun war es, als wäre all diese Namenlosigkeit mit einem Mal verschwunden. Da war dieser gut aussehende, junge Kerl, der in ihr Leben platzte, sich breit machte, und all das zerstörte, was sie mühselig erkämpft hatte.


Zorn stieg in ihr auf. Geballter, ungebändigter Zorn. Sofort rollte sie sich seitlich über das Bett und sprang auf die Füße. Ihre Stiefel erschwerten ihr das Gehen, egal wie oft sie sie trug und egal, wie sehr sie sich daran gewöhnte. Sie waren klobig und hatte enorme Absätze, was bei so einem kleinen Mädchen auch mehr als von Nöten war. Das erste Geräusch, dass aus ihrer Kehle dran, erinnerte an ein Fauchen, wie es Raubvögel aus sich pressten um Angreifer zu warnen. Dann schleuderte sie ihre Wut in Form von lauten Worten und aggressiver Stimme ihm ins Gesicht. „Wie kannst du es wagen, einfach hier so herein zu spazieren und mich aus meinem Leben reißen zu wollen. Ich werde sicherlich nicht mit dir mit kommen. Glaubst du etwa, ich würde nicht aus diesem dreckigen Bordell heraus kommen, wenn ich es wollen würde? Ich will es nicht. Und du wirst mich sicherlich nicht zu diesem kranken alten Mann zurück schleppen.“ Ihr hübsches Gesicht war zu einer wütenden Fratze verzerrt, die ihm tödliche Blicke zuwarf. Den dünnen, zerschundenen und ausgemergelten Körper presste sie an die hässliche Tapete hinter ihr. Es war deutlich, dass sie nicht so einfach das Bordell verlassen würde. Und vor allem nicht zurück zu dem Menschen, der sie zu dem gemacht hatte, was sie war. Zumindest konnte sie ihre eigene Menschlichkeit in diesem Freudenhaus noch spüren, ein Teil ihrer Selbst, den er ihr genommen hatte.

 


Aeron Wilson Ray

 


Das wirklich interessante an dieser verkappten Situation war die Tatsache, dass Leila Aeron für jemanden hielt, der den Sachverhalt völlig verkannte und Fakten durcheinander brachte, für jemanden, der in der irrigen Annahme hierher gekommen war, um ihr zu helfen.

De facto traf das in seinen Augen eher auf das Mädchen selbst zu.

Ein entnervter Seufzer entglitt dem jungen Mann, während er ein mal das Zimmer auf und ab ging, denn er musste nachdenken. Von allen Dingen, die er nicht ausstehen konnte, war „Jemand bringt mir mein gesamtes Konzept durcheinander“ sehr weit oben in den Top Ten, und genau das geschah gerade. Dieses Gör stellte sich quer, doch er hatte einen Job, einen Auftrag, der erledigt gehörte.

„Okay, Lady“, gab er in einem schwer zu deutendem, leicht herrischem Tonfall von sich. „Ich rate dir, gut über den nächsten Schritt nachzudenken. Du wirst mit mir dieses Gebäude verlassen, lebendig, und ich werde auf dem Weg nach draußen deinetwegen kein Blutbad anrichten oder selbst draufgehen“, was bei dem Aufgebot an Wachleuten wahrscheinlicher wäre. „Ich bin kein verdammter Samariter, ich werde für diese Aktion bezahlt, und das nicht zu knapp. Also kannst du sicher sein, dass ich dich hier hinausgeleiten werde.“

Als er mit einem mal Schritte vor der Tür zu vernehmen glaubte und eine Tarnung vor Leila ohnehin nicht mehr von Nöten war griff er geübt nach hinten, unter seinem Sakko, und zog blitzartig eine wundervoll gearbeitete FN Five-seveN hervor, richtete sie jedoch auf kein Bestimmtes Ziel sondern hielt das Geschoss entsichert und geladen auf den Boden gerichtet.

Unbeabsichtigterweise unterstrich er damit noch ein mal seine Worte und machte deutlich, dass er diesen Auftrag um jeden Preis ausführen wird.

Die Füße vor der Zimmertür standen einige Zeit still, gingen hin und her und blieben dann wieder stehen, als wartete die Person hinter dem wenige Zentimeter dickem Holz auf irgendetwas. Kein wunder, denn eigentlich sollte Aeron gerade fröhlich bei der Sache sein und Leila sich unter ihm winden und schreien, das zumindest erwartete man von den beiden, doch wurden sie ihrer Rolle kaum gerecht, Leila sogar in zweierlei Hinsicht: als Hure und als vermeintlich zu rettendes Opfer.

Na großartig, dachte unser Protagonist und verdrehte einen Augenblick lang die Augen, als ihm auffiel, wie die Situation sich immer mehr zuspitzte, denn Leila stand mit einer unerschütterlichen Bestimmtheit an der Wand, durch die ebene jene Tür führte, vor der sich höchstwahrscheinlich der unglaublich geschmacklos gekleidete Fettsack befand.

Wenn sie wirklich ernst meinte, was sie sagte, dann könnte sie die vermaledeite Tür öffnen und eine schreckliche Kette von Ereignissen auslösen, die das ganze Vorhaben nur erschweren würde. Ehe sie selbst auf den Gedanken kommen konnte hob er bereits seine Waffe an und richtete sie mit einer überraschenden Gelassenheit auf die Stelle, an der er den Kopf des Mannes vermutete, während er dem Gör etwas zischend mitteilte: „Eine falsche Bewegung ... und er hat ein Loch im Schädel“

Warum waren solche Mädchen bloß immer so kompliziert?

 

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